Verliebt sein (2018)

„Herzen brechen nicht, sie vernarben nur. Denn das Narbengewebe hält uns zusammen.“

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Disclaimer: Dieser Text ist rein fiktiv.

Ich war immer verliebt. Jeden Tag, an den ich mich erinnern kann. Jeden Tag, seitdem ich vierzehn war. Und ich kann mich nur an wenige Tage erinnern, an denen das Verliebtsein etwas Gutes war.

Ich habe im selben Jahr angefangen zu schreiben, in dem ich mich verliebte. Ich habe nie aufgehört zu schreiben, weil ich nie aufgehört habe, mich zu verlieben. Weil es nie aufgehört hat, weh zu tun. In einer meiner schlimmsten Phasen, als ich achtzehn war und gerade ausgezogen, habe ich ein Buch geschrieben. Mein Schmerz war so groß, dass er 250 Seiten füllte. Der Schmerz gab mir eine Identität.

Und jedes Mal, wenn ich eigentlich hätte glücklich sein können, mit mir und der Welt, hat mein anderes Leben mich eingeholt. Ich wollte dich heilen und habe dabei mich selbst verletzt. Wollte dir zeigen, wie schön Liebe ist und habe dir zu viel davon abgegeben, Liebe ist eine Kreislaufwirtschaft, so lange bis sich jemand entscheidet, die vollen Flaschen an den Straßenrand zu werfen.

Bis gestern habe ich versucht, mich zu machen, mich zu formen. Doch wie sehr kannst du sein, wenn du deine Hände nur das fühlen, was du formen willst und nicht das, was vor ihnen liegt? Wie sehr bist du selbst, wenn dein Sein immer in anderen liegt?

Ich habe viele Geschichten geschrieben, aber nie meine eigene. So vielen Menschen geholfen, aber nie mir selbst. Und dann habe ich dich getroffen, gesehen, geliebt. Mehr als alles, mehr als mich, mehr als mein Leben. Wollte dich retten, dich fangen, dich aufrichten, deine Partnerin sein, dein Teil für’s Wir.

Du hast unsere Wege getrennt, du hast den Bergweg erschüttert, unpassierbar, für mich gab’s nur ein Zurück. Ich stehe da an dem Weg und frage mich: Wo soll ich denn jetzt hin? Schaue meine Hände an, flach und ohne Hornhaut dran, stelle mich an die Wand und fange an zu schreien. Mein Gepäck ist zu schwer, wird mir jetzt klar. Mit so viel Gepäck schaffe ich es nicht. Also stell ich mein zweites Leben dahin, meinen Schmerz. Ich kicke es in den Abgrund. Und nehme mit, was mir gehört. Meine Liebe. Meine Hände fassen die Wand und greifen zu, sie ziehen und ziehen, bis mein Fuß fest steht. Bis ich feststehe, hinter mir der Himmel. Mein Rücken frei, mein Herz nah an meinem Bauch.

Auch wenn ich traurig bin, vermisse ich dich nicht. Ich vermisste nachts die Hoffnung, die ich in uns hatte. Die Zukunft, die wir nie erleben werden. Eine Zukunft, die ich nicht mehr erleben will. Weil es nie unsere war, sondern deine und ich war halt auch dabei. Denn ein Wir gehört nicht uns, wenn das Ich fehlt, wenn da nur ein Du ist. 

Ich bin hier, an der Wand, allein und wenn mich die Kraft verlässt, ist da niemand, der mich fängt. Deswegen hänge ich mich in mein Seil, schließe die Augen und lasse mich frei. Meine Geschichte fängt hier an. Ohne unglücklich verliebt sein. Nicht, weil es nicht mehr passieren wird. Aber weil’s dann sein wird, was es ist: Ein Gefühl. Kein Teil mehr von mir. Ich fühle mich dann unglücklich verliebt, aber ich bin’s nicht mehr.

Verliebt sein, verliebtes Sein. Ich war schon lange nicht mehr wirklich verliebt. Vielleicht noch nie.

Ab heute bin ich verliebt. Es fing ganz leise an, es waren die Sekunden, in denen ich lächeln musste. Ein schwerer Vorschlaghammer, der von meiner Bauchdecke genommen wurde, aus dem Zimmer gebracht, weit weg von meinem Herzen. Es war das Urteil, was mir fehlte. Darüber, wie schief ich singe, welche Sachen ich mir anschaue oder wann ich mich ängstige. Als ich nicht mehr von dir hörte, was an mir alles falsch ist, sagte mir das Leben, was sich richtig anfühlt.

Ich bin verliebt. Ich bin verliebt in diesen Song, ich bin verliebt in den guten Kaffee. Ich bin verliebt in die Aussicht, die ich habe, wenn ich am See spazieren gehe und in die Menschen, die mir auf jede meiner Fragen antworten. Hatte solche große Angst vor Fallen, vorm Zerstörtwerden, vor dem Schmerz. Und dann bin ich gefallen, in die Hände von allen. Ich hab‘ schon länger gesehen, ich hab’s mehr als gehofft und als meine Beine den Boden verließen, sah ich ihre Beine rennen. Schneller, schneller, immer schneller, bis sie an meinem Landepunkt waren und da führten sie ihre Hände zusammen und fingen mich auf, wie auf einem Trampolin flog ich in die Höhe und merkte, dass nach dem Schmerz das Fliegen kommt.

Ich bin verliebt in lange Autofahrten mit lauter Musik, in die Worte, die aus meinen Händen purzeln, ins Ungewisse. Ich bin verliebt in’s keine Pläne haben, weil da Platz für viele Pläne ist. Wenn ich jetzt im Auto sitze und Liebeslieder höre, denke ich nicht mehr an dich. Ich denke an mich und all das, was noch kommen wird.