Das Geräusch (02/02/2014)

Disclaimer: Dieser Text ist fiktiv.

Das Geräusch, wenn man auf einen Fahrradschlauch tritt oder eine Luftmatratze. Dieses leise pfft gefolgt von einem Schwall der Luft, der langsam und leise ausklingt. Lange versuchte ich, genau den Ton zu treffen. Lange hat es gedauert, bis ich es wirklich konnte. Heute ist es automatisiert, ich kombiniere es mit einem dezenten Schulterzucken und einem starren Blick auf die Nase meines Gegenübers. Wie geht es dir? Weil ich es nicht mehr hören kann, hörst du nun eben meine (mittlerweile nahezu perfekte) Interpretation eines sich gewaltsam entleerenden Fahrradschlauchs oder einer Luftmatratze. Letztendlich besteht zwischen uns ja eine gewisse Gemeinsamkeit. Aus ihnen kommt die Luft beim Drauftreten und an mir floss das Wasser herunter, trocknete meine Haut und sammelte sich fast in meinem Bauchnabel. Vielleicht fällt die Luft zu Boden und dann atmet sie jemand ein und weiß gar nicht, dass das einmal eingesperrte Luft aus einem Fahrradschlauch oder einer Luftmatratze war. Wir müssen schlafen und atmen und vergessen um der Bewegung mächtig zu sein. Eine Macht, die mich schon längst verlassen hat.

Eine unglaubliche Müdigkeit wirkt in mir, sie breitet sich aus. Es liegt auf mir als könnte ich immer weiter schlafen, obwohl ich die Stille um mich herum nicht mehr ertrage. Ich bin gefangen und dieses Gefühl schnürt meine Kehle zu, führt mich hinaus und ich versuche zu laufen. Mein Körper schreitet so weit nach vorne, die Schritte sind größer als sie jemals waren. Mein Kopf ist gefüllt mit kleinen Botschaften wie die von Glückskeksen, nur dass sie von Angst und Zweifel sprechen, mir zurufen und leise in meine Nase flüstern. Ich verstehe das alles nicht. Und das Nicht-Verstehen verzweifelt mich. Erst macht es mich wütend, pochend rast es durch meinen Körper. Es fängt immer so an.

Nachts werde ich durch mein Aufwachen permanent gestört und meine Beine bluten, meine Hände sind so zerfahren wie alles in mir. Bin im Schmerz geblieben und vergesse darüber alles andere. Mein Wunsch ist es zu liegen und zu atmen, so lange, wie ich wieder glücklich bin. Bis ich die Zeit vergesse. Bis die Zeit mich vergisst.

Wir waren mal schön, weiß er das überhaupt? In meiner Erinnerung wird das Bild langsam gespiegelt, verzerrte Realität füllt meine gesamte Gedankenwelt. Wenn ich Steine dagegen werfe, prallen sie ab wie von Panzerglas. Das alles schneidet mich im Bewussten ab, solange bis ich es bewusst von mir abschneide. Geburten sind schmerzhaft und blutig und laut. Wir wünschen uns Freiheit. Und wenn wir sie haben, wissen wir nicht, was wir mit ihr anstellen sollen. Behandelt man sie zu sanft, vielleicht wird sie dann schwach und bricht, bröckelt in tausend kleine fetzenähnliche Stücke. Wenn man sie vernachlässigt, läuft sie weg und kommt dann doch nicht mehr zurück. Am Ende könnte es soweit kommen, dass wir nicht mehr wissen, dass sie das einzige war, was wir uns jemals erhofften vom Leben. Das wäre dann alles, was uns den Boden unter den Füßen wegfluten würde in langen Wellen. (05/06/2013)

„Du lässt mich meine Freiheit vergessen. Ich verleugne die Möglichkeit zu gehen. Deinetwegen.“Seine letzten Worte waren der Grund, dass ich eins fühlte. Liebe oder so. Der einzige, nebenbei. Mir war es vorher nie aufgefallen, bis ich seinen Rücken vor mir sah. Sitzend betrachtete den schwarzen Punkt am Horizont, am Ende meines Sehfelds. Neben mir und unter mir Getreide und über mir irgendwann die Nacht. Er war ein Punkt von vielen irgendwann, er hatte die Größe einer Eintagsfliege. Während er weg ging und weg war, spürte ich Steine an meinem Körper und Wasser überall auf meiner Haut. Es brauchte viel Wind und guten Kakao in unserer kleinen Wohnküche, bis mein Rücken sich nicht mehr anfühlte wie ein Relief. Und es brauchte viele sinnleere Gespräche mit den anderen, die ich liebe, auch heute noch. Die Schweigeminuten dazwischen, die mir alles ein wenig unbeschwerter machten. Einige Lippen, die ich treffen musste, um seine nicht mehr zu erahnen.

Wenn ich meine Hände drücke und mich sagen höre: „ “ – wenn die Stille mir den Atem raubt und die Ruhe das Eis in meinen Adern taut. Weil in manchen Teilen auch die Worte nicht mehr reichen, um Zerflossenes  zu erweichen.  Manchmal ist die Antwort einfach da. Sie liegt neben dir und schaut ab und an zu dir hoch, um dann den Kopf wieder abzulegen, wenn du noch nicht so weit bist.
Rechts neben mir, fast auf mir drauf. Wage erinnere ich mich an gestern. Also an das was nach Mitternacht passierte, aber vor dem Schlaf. Wir tanzten im Regen, weniger des Frustes als des Momentes wegen. Meine Bauchhöhle entblättert und seicht gepustet, damit mein Herz wieder zitternd pulsiert. Hast meine Hände an deinen Körper gedrückt, um mich zu schützen. Bis meine Lider deine Kraft verdeckten und deine Hände langsam zart wurden wie ein Stück Fleisch, ungegrillt.

Normalerweise wäre das nicht passiert. Wir hätten übereinander geblickt, der Konsens hätte sich zwischen uns verloren. Aber ich musste stocken, während mein Körper es beim Atmen beließ. Was ist im Extremen noch normal? Ich hörte etwas, als ich dich ansah. Verdutzt fasste ich mir an meine Ohren, doch die kleine, freche Vorahnung hatte sich schon längst wieder versteckt. Schlaflos in fremden Betten, eigentlich.

Wenn alles Gold ist, dann werde ich. In meinen Gedanken hat meine Liebe dein Leben vergoldet. Ich wollte immer eine Liebe, die mein Leben vergoldet. Also bin ich ausgezogen, habe mir Menschen gesucht, mit großen Wunden, langen Narben, vielen Schmerzen. Schwimmen in den tiefsten Gräben, mit den eigenen Augen sehen, wie tief die Wasser sind, wie tief es in die Erde geht. Ich habe den Schmerz absorbiert, in jeder Pore. Ich habe gesehen, gehört, gespürt, wie unbedarft ich bin, weil du es nicht warst. Wenn du Menschen triffst, die noch nie geliebt wurden, dann nimmt das einen Teil von dir, wirft dich an die Wand, versteckt dich unterm Teppich. Ich wünsche mir so viel Liebe für alle Menschen, damit sie nie vergessen, dass sie da ist und auf sie wartet. Keine Tabletten, kein Alkohol, kein Joint mehr nötig, weil du fühlen kannst, fühlen darfst, dass hinter all der Scheiße doch das Gold versteckt liegt. Ich hab’s versucht dir zu zeigen, ich habe mit dir gegraben, aber du bist weggelaufen.

Vielleicht wollte ich zu tief tauchen, zu viel wissen, mehr als glauben. Die Welt ist das, was wir ihr sagen, weil die Bedeutung allein aus uns heraus existieren kann. Jeder Satz ist deine Wahrheit, auch wenn die Wahrheit deine Lüge ist. Vielleicht hat mir das Gold zu viel bedeutet, mehr als es für mich gut war. Hat mich weggerissen, weggespült, mitgezogen. Haare schwer, Augen verklebt, kann kaum noch sehen, was da wirklich in der Liebe liegt. Wenn ich mich spiegel‘, seh‘ ich mich, nur mich, nicht dich, denn deine Liebe gibt es nicht, nicht für mich. (23/07/2021)

Hatte längst Abschied genommen von der Vorstellung, in der ich das Leben lebte und meinen Träumen Räume gab, Räume zum Spielen und Verstecken und vielleicht auch, um nie wieder zu erscheinen. Doch die Türen dieser Räume leuchten so bunt, dass sie mich blind in der Mitte stehend nur durch den Geruch, der hinter ihnen liegt, leiten. Der Schlüsselbund klappert in meiner Hand, zitternd schwingen all die großen und kleinen Schlüssel hin und her. Als sie Aufprallen höre ich einen lauten Schrei, der Boden verzieht seinen Mund zu einem großen O und überall ist auf einmal nur noch Stille. Meine Augen sind geschlossen und meine Knie schweben im Nichts, meine Zunge schmeckt den kalten Schauer von Angst und als ich die Augen wieder öffne, sehe ich es. Die Türen sind geöffnet, sie sind aufgesprungen und auch wenn ich nicht weiß, was weit hinter ihnen liegt, so singen sie mir zu.

Mein Körper ist getrocknet. So lang wie der Moment hat der Weg sich angefühlt, der Moment in dem ich ihn zum ersten Mal verstanden habe. Inmitten seiner Worte war da plötzlich diese Wärme in meinem rechten Fuß, die sich kribbelnd in mein Bein hinaufzog. Erst dachte ich, dass ich partiell eingeschlafen wäre. Blut gestoppt und Adern verengt. Dabei war es das erste Mal, dass ich es bemerkte. Bemerken, dass in uns nicht nur Körperlichkeit sich verbreitet, sondern auch ein bisschen Glück gemischt wird mit dem Eisen in unseren Venen. Hab’s verstanden, wegen dir.

Vergangenheit heißt vergangen heißt etwas ist gegangen wie er ist gegangen. Sie sagten, ich solle ihn vergessen, aber vergessen ist nur ein sich ewig wünschendes Verdrängen. Manchmal denkt man auch, dass Liebe ewig ist. Aber man denkt auch, dass man auf Stühlen sitzen kann und dass der rote Stuhl im eigenen Zimmer immer nur ein Stuhl bleibt. Und dann kommt der Tag, an dem die Bewegungslosigkeit dich fest gekettet hat und du dich entscheiden musst. Wenn deine Füße keinen Grund mehr spüren und die Zehen nicht mehr halten, musst du eben Fliegen. Weiterfliegen. Und dann ist ein Stuhl manchmal ein Instrument. Meine Wut färbte ab auf meine Hände und meine Hände verfingen sich mit voller Absicht. Ich zerbrach alles was mich mit ihm verband aus eigener Kraft und ließ los. Mein roter Zimmerstuhl, auf dem er immer gesessen hat. Das Zerbrechen zerschlug meine Wut und übrig blieb ein kleiner roter Haufen auf der Straße unter meinem Balkon. Meine Ohren wurden gefüllt mit den Geräuschen der gesamten Welt, Harmonie von chaotischer Vollständigkeit. Schreiend lief ich ungeschminkt durch die Straßen und schmiss mit meinen Gefühlen um mich. Die Laternen kriegten eine gehörige Portion ab, so dass die Straßen sich verdunkelten. Das war der Moment, an dem ich dich traf.

Das Gefühl, einmal aus der Masse heraus zu stechen. Du hast eine Grenze durchbrochen, die ich mir selbst zog. Du hast mich gesehen, als ich mich schon verschwinden fühlte. Du hast mich berührt, als meine Seele nichts mehr spürte. Du hast mir in die Augen gesehen und mir einen Spiegel ins Gesicht gehalten, ohne Vorwurf leicht geneigt. Du hast mich gehen lassen und mir hinterher geschaut. Und dann hast du gesagt, dass du mich nicht vergessen wirst. Wie eine Drohung hast du es klingen lassen, obwohl wir beide wissen, dass es keine war. Du hast mir meinen Schlaf wiedergegeben.

Hüpfend auf einem Bein versuche ich, mit meiner Hand den Himmel zu berühren. Ich werde es schaffen. Der Himmel ist blau und vielleicht meine Zukunft auch. Ich bin nicht falsch, nur weil ich an falschen Ort am falschen Tag war. Ich bin nicht daran schuld, dass jemand mich verlassen hat. Ich bin die Liebe wert. Ich bin liebenswert. Die Liebe ist es wert in mir gefunden zu werden, wahr wie weiß wie für einen Augenblick unberührt.

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