Warum wir mehr Liebesbriefe schreiben sollten

Mein Herz in meiner Hand, kalter Stahl auf weicher Haut. Ich schau‘ sie mir an, drehe den Finger, mein Gelenk schmerzt, aber es ist noch nicht vorbei. Sie setzt auf, sie bewegt sich, sie zieht eine nasse Spur hinter sich her, eine Botschaft, ein Leben, eine Liebe.

Der Lichtkegel trifft mich, die Lampe spiegelt sich in meinen dunklen Haaren. Meine Hand wird immer schneller, meine Augen füllen sich mit Wasser. Ich sehe dich vor mir. Ich sehe dich und ich schreie dich an, während ich stumm auf meinem Stuhl sitze. Ich schreibe und schreibe und bin.

Ich bin allein und doch sind wir zu zweit. Und da sind sie, falsche Worte, durchgestrichen – und ein neues weißes Blatt vor mir. Stunden vergehen, der Regen tropft gegen die Scheibe meines Kinderzimmers.

Briefe waren schon immer meine Sache, mein liebstes Kommunikationsmittel. Du kannst dir in ihnen die Zeit nehmen, alles zu sagen, was du sagen musst. Du nimmst deine Gefühle und packst sie liebevoll in eine Transportbox, verschickst sie mit der Post. Ich fühl‘ mich dir so nahe beim Schreiben. Und jedes Mal, wenn ich zum Briefkasten gehe, stehe ich minutenlang davor, mein Herz pocht stark, weil der Marathon in mir drin gelaufen wird. Meine Finger lösen sich und ich lasse ihn los, lass die Nachricht los und ein bisschen auch von mir.

Immer, wenn ich nicht weiterwusste, habe ich geschrieben, eine Geschichte, ein Gedicht oder einen Brief. An meinen ersten Freund schrieb ich nach unserer Trennung einen achtseitigen Brief, den er sich nie durchgelesen hat, weil er Angst davor hatte, wahrscheinlich zu Recht. Ich habe Menschen geschrieben, die alle anderen Kommunikationsmittel für mich sperrten. Freundinnen, die mich nach Jahren einfach so allein ließen, ohne mit mir zu reden. Das fairste an einer Trennung ist, den anderen auszuhalten, die Tränen, die Wut und die Liebe. Und wenn sie es nicht aushalten konnten, habe ich den Stift gehalten, um bei mir zu sein.

Es muss 2016 gewesen sein, als ich am Briefkasten stand an meiner neuen Uni und einen Brief fallen ließ, einen besonderen. Es war ein Liebesbrief an jemanden, der mich nicht liebte und mich ohne Botschaft stehen lassen hatte. Es war meine Befreiung. Eine gute Freundin hatte mir immer gesagt, dass es wichtig wäre, ehrlich zu sein. Auch wenn’s eine wahnsinnige Angst macht. Weil’s mutig ist. Und weil du’s nie bereuen wirst. Mittlerweile wäre es mir vielleicht zu pathetisch, aber damals hat’s mich groß gemacht. Weil ich das Gefühl hatte, meine Botschaft so verpackt zu haben, wie sie es brauchte: mit Zeit, wertvoll und verschlossen.

Öffne diesen Brief, um mich zu öffnen.

Ich habe Dankesbriefe geschrieben, an Menschen, von denen ich so viel gelernt habe. An Menschen, ohne die ich niemals so ein wundervolles Leben hätte, wie heute. Ich habe Menschen geschrieben, weil mich ihr Leid so mitnahm. Weil ich wollte, dass sie wissen: Ich bin nicht allein. Ich habe so oft Briefe versendet, an Freunde und an die Menschen, die ich liebte. Liebe zum Mitnehmen.

Meine Ehrlichkeit zusammengefaltet, all meine Gefühle auf einem Stück Papier, ein Stück von mir auf Holz, Liebe auf Leben. Wir leben in der Welt, voll E-Mails, schnellen Sprachnachrichten und fixen Fotos. Und das ist cool, wir können mehr zusammenleben, obwohl wir getrennt sind, mehr teilen als je zuvor. Aber wenn du allein auf deinem Stuhl sitzt oder auf deinem Bett liegst und diese Worte in deine Augen nimmst, dann können sie auch dein Herz treffen. Ein Brief ist mehr als eine Botschaft, ein Brief ist eine Berührung.

Wir sollten uns mehr Liebesbriefe schreiben. Wir sollten uns mehr berühren. Liebe ist Geben. Liebe ist alles, was ich dir gebe, um dich glücklich zu sehen. Ein Liebesbrief stellt keine Forderungen. Ein Liebesbrief sagt dir nicht, was du alles nicht getan hast. Ein Liebesbrief ist wie ein Teleskop, ein Liebesbrief zeigt dir eine Sternenkarte mit all den Einzelheiten, die an dir liebenswert sind, die dich strahlen lassen, die dich zu dem machen, was du bist. Eine Erinnerung daran, wie schön du bist.

Ich bin idealistisch, ich glaube daran, dass die Welt mit viel Liebe auch viel besser wird, dass wir lernen sollten, uns mehr zu lieben, ohne etwas davon zu erwarten. Dass Liebe nichts wegradiert, aber was dazu zeichnet, dass stärker strahlt als die grauen Fassaden um unsere Herzen. Wir sollten mehr aktiv lieben, etwas tun, etwas erschaffen.

Schreib‘ mal einen Liebesbrief, an die Person, die du wirklich liebst und sieh dir an, was passiert, welche Steine in dir rollen. Schreib‘ an die Person in deiner Partnerschaft. Die Person außerhalb deiner Partnerschaft, die du aber eigentlich liebst. Dein Kind. Deinen besten Freund. Deine Mentorin. Deinen alten Klassenlehrer, der immer daran geglaubt hat, dass du mehr bist als diese Note. An deine Eltern. Und an dich selbst. Vor allem an dich selbst.

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