Muss ich meine Arbeit lieben?

Die kurze Antwort: Nein, auf keinen Fall. Eigentlich. Aber manchmal doch vielleicht. Und die lange Antwort kommt jetzt.

Quelle: Pixabay

Disclaimer:

Ich schreibe hier aus einer privilegierten Lebenssituation. Es gibt Zeiten, in denen man sich nicht frei entscheiden kann, welchen Job man wählt, sondern sich über Wasser halten muss. Für Menschen in dieser Situation ist dieser Text sicher ein „First-World-Problem“. Deswegen: Ich sehe euch. Ihr schafft das. Und ihr müsst diesen Beitrag nicht lesen.

In meinem Studium habe ich vor mich hingearbeitet und hingelebt. Mindestens ein Nebenjob oder Praktikum haben mich durch den Studienalltag begleitet. Ich habe viel gemacht, aber ich wollte mich nicht festlegen. Und das war auch, was mir am meisten Angst vor dem Ende meines Studiums machte: Die Aussicht auf einen Job. Weil ich nicht wusste, in welche Richtung er gehen sollte. Weil ich mich nicht auf einen für immer festlegen wollte.  Und weil ich Ansprüche hatte, die einem während des Studiums versucht werden auszureden, vor allem wenn man so etwas „brotloses“ wie Geisteswissenschaften studiert: „Du kannst froh sein, wenn du überhaupt etwas findest!“.

Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass ich einen Job brauche, der mich erfüllt. Wenn ich schon wählen darf, dann was Richtiges. Dafür habe ich mir den Arsch aufgerissen. Zu Anfang meines Studiums hatte ich kein Geld, keine Kontakte und vor allem keine Ahnung. Ich habe meinen Bachelor in Regelstudienzeit trotz Uniwechsel durchgezogen. Ich habe in meinem Master sehr gute Noten geschrieben, in mehreren Projekten freiwillig mitgewirkt und gearbeitet. Weil ich es wollte, weil ich Spaß daran hatte, aber auch, um die Chancen auf Wahlfreiheit zu erhöhen. Denn: ich wollte was erreichen. Karriere machen. Was Besonderes sein.

Und dann hatte ich die freie Wahl und wusste nicht, wohin.

Brotjobs und Herzensprojekte

Ein Job, den man liebt, für den man mit dem ganzen Herzen einsteht, ist unglaublich bereichernd. Als ich 23 Jahre alt war, hatte ich genau so ein Projekt vor der Nase. Ich habe monatelang in einem Team daran gearbeitet, ich habe es mit ins Bett genommen und abends mit an den Küchentisch. Durch diesen Job habe ich mich mehr kennen gelernt als in meinem gesamten Studium, weil ich realisierte, wozu ich eigentlich fähig war. Der Tag, an dem das Produkt releast wurde, war einer der glücklichsten meines Lebens. Ich hatte mich vorher nur bei Wettkämpfen so sehr wie ich selbst gefühlt. Ohne Zweifel habe ich dieses Projekt geliebt. Warum? Weil ich was Großes schaffen wollte, weil ich damit Käufer*innen glücklich machen konnte, weil ich eine Botschaft hatte. Das Geld, was ich dafür bekam, war mir zu diesem Zeitpunkt scheißegal. Wenn ich die Wahl hatte zwischen einem Job, der mich nach vorne bringt und mein Herz lachen lässt oder dem der besser bezahlt wird, habe ich immer den ersten genommen.

Während des Studiums durften wir über mehrere Monate mit Mentor*innen reden und einer davon sagte mal zu mir, dass es manchmal gut sei, einen Brotjob zu haben und in der Arbeit nicht die ultimative Erfüllung zu sehen. Das habe ich damals nicht verstanden, denn ich fand das falsch. Heute sehe ich das anders.

Es ist vollkommen okay, einen Job zu haben, der einen nicht erfüllt, der nicht Sinn des Lebens ist. Einen Job, den man gut macht und bei dem man das Kollegium mag, aber der nicht den gesamten Tag ausfüllt. Für den man genug arbeitet, aber nicht bis nachts noch am Rechner sitzt. 

Ich halte es für wichtig, irgendwas im Leben zu haben, das einen erfüllt. Was nicht Teil des Lebens sein sollte: Existenzängste, Mahnungen und ein leeres Konto. Denn ja, auch das ist Realität. Wir haben erst im letzten Jahr gelernt: vom Klatschen kann man keine Miete zahlen. Die Frage ist nur, ob man alles, was man liebt, direkt zu einem Job machen muss. Ob es nicht manchmal besser ist, dass das Hobby ein Hobby bleibt, weil man sich damit alle Freiheiten erhält. Ob es nicht auch reicht, einen Job zu haben, der Spaß macht oder angenehm ist und nicht mehr als das.

Was zahlst du dir selbst?

Problematisch wird eigentlich alles, wenn Liebe in Abhängigkeit umschlägt. Wenn man über Monate oder sogar Jahre so viel arbeitet, dass keine Kapazitäten mehr für etwas anderes bleiben. Für Freunde, für die Partnerschaft, für freie Zeiten ohne Verpflichtungen, für genügend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten oder sportliche Betätigung. Wenn man für seinen Arbeitgeber, die Selbstsändigkeit, für einen großen Haufen Geld und auch für die gute Sache ein Stück von sich selbst verliert. Oder für Projekte, die zwar das Herz schneller schlagen lassen, aber auf Dauer ein Leben neben der Arbeit nicht möglich machen. Etwas Gutes tun gilt auch für dich selbst.

Arbeiten kann ungesund sein. Wenn man dem nächsten großen High hinterherläuft, dem nächsten Abschluss, dem nächsten Big Thing, weil die Lücken dazwischen nur gefüllt sind mit einer Arbeit, die man eigentlich nicht ausstehen kann. Geld und Ego-Pushs können einen unausgefüllten Alltag auf Dauer nicht fixen. Du darfst dich und deine Gesundheit wichtig nehmen, auch wenn es sich vielleicht nicht so bedeutend anfühlt, abends früh Feierabend zu machen anstatt einen Millionendeal abzuschließen. Die Frage ist: Bedeutest du dir selbst mehr als das, was du erarbeitest?

Ich war mal kurz davor, einen Job anzunehmen, mit dem ich das Gefühl hatte, andere Menschen glücklich machen zu können, zumindest für einen Moment. Und dann traf ich auf einer Party einen zukünftigen Kollegen, der mir sagte: „Wir machen ein Projekt für Firma X, das auf vierzig Leute ausgelegt ist. Wir sind aber nur zu zehnt.“. Das sagte er, als wäre es das Normalste der Welt, mit ein bisschen Freude und Stolz in der Stimme. Für ihn war dieses Pensum normal. Doch: Überlastung sollte nicht normal sein. Und Überlastung sollte auch nichts sein, mit dessen Aushalten man sich über andere stellt, so wie ich es getan habe vor einigen Jahren. Also habe ich den Job abgesagt.

Wie in allen Bereichen ist es auch bei der Arbeit wichtig, die Balance zu halten. Früher war es für mich unstrittig, für die Arbeit zu leben. Heute lebe und arbeite ich. Ich mag meine Arbeit, ich möchte sie gut machen, ich möchte meine Ziele erreichen. Aber mein Job soll nicht mein Leben sein. Meine Angst vor Bedeutungslosigkeit ist nicht mehr da, denn ich habe erkannt: mit einem Privatleben, mit Hobbies und dem Entlernen meiner „Ich muss immer produktiv sein“-Attitüde ist ein Leben ebenfalls ziemlich grandios und erfüllend.

Mir ist jetzt klar: Ich muss irgendwas in meinem Leben lieben. Mich selbst. Was jeder von uns zusätzlich noch lieben darf: Die eigene Gesundheit. Freunde. Ein Hobby. Ein Ehrenamt. Ein Kind. Einen Hund. Und ja, auch einen Job. Aber lieben bedeutet nicht: lieben müssen.

Wenn ich in der Zeit zurückgehen könnte, würde ich meinem jüngeren Ich einen Rat geben: Es gibt ein Dazwischen. Du kannst deinen Job sehr gut machen, ohne dafür dein Privatleben weit zurückzustellen. Dein Job muss nicht etwas sein, was du so sehr hasst, dass du Sonntag Bauchschmerzen bekommst. Er muss aber auch nicht dein Leben außerhalb deiner vereinbarten Arbeitszeit dominieren. Du darfst für etwas brennen, aber brenn‘ dich selbst nicht aus. Arbeiten kann und darf dir Spaß machen, aber es sollte nicht das Einzige sein, was in deinem Leben spaßig ist.

Das, was du arbeitest, muss nicht deine Identität sein. Unabhängig davon, ob diese Arbeit bezahlt wird oder unentgeltlich ist, aber vor allem, ob du zehn, zwanzig oder fünfzig Stunden in der Woche damit verbringst. Deine Arbeit bestimmt nicht deinen Wert als Menschen. Du bist mehr als nur ein Job.

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