Komfortzonen und Veränderungen

Dieser Text ist aus dem September 2019. Loslaufen ist kein automatisches Ankommen.

Als ich mit siebzehn ausgezogen bin mit dem Vorsatz, ein Abenteuer zu erleben, hätte ich niemals wissen können, was kommt. Hätte man mich gefragt, was ich mir wünsche, wäre es weniger als ein Drittel gewesen von dem, was passierte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass in den letzten sieben Jahren mehr als ein Leben steckt, weil das Leben in Erleben steckt.
Stehst du vor einer großen Veränderung?

© Melina Bolopá

Siehst du die Türklinke, die sich gegen deine Hand schmiegt, die sich wie paralysiert, wie eine widerborstige Katze, dagegen sträubt, sich zu schließen, um den neuen Weg zu öffnen? Es gibt einige Dinge, die super schwer sind. Große Steine, kleine Autos, die Wahrheit oder Veränderungen. Türen öffnen und noch mehr: Türen wieder schließen. Ich verstehe das. Nichts liegt mir näher als die Sicherheit, leise schlummernd neben meinem Kopfkissen.

Die Herausforderung dabei ist aber nicht, dass du neben der Sicherheit einschlafen willst. Das wollen wir alle. Ich glaube daran, dass Sicherheit eines der elementarsten menschlichen Grundbedürfnisse ist. Doch um sie zu finden, musst du aufhören, sie zu suchen. Jeder Job, so sicher er scheint, kann dir verloren gehen. Jede Beziehung, sei sie noch so gut und fest, kann in die Brüche gehen. Jedes Bein, sei es noch so stark, wird dir fehlen, wenn ein Lastwagen darübergefahren ist. Das ist die Wahrheit. Aber was auch die Wahrheit ist: Es gibt da einen Menschen, der wird durch all diese Ereignisse begleiten. Und das ist, so abgedroschen das auch immer klingt, das bist du selbst.

Ohne Schmerz gäbe es kaum noch Kunst. Wenn wir unsere Muskeln nicht an Belastung gewöhnen, dann wachsen sie nicht mehr. Dann verkümmern unsere Gliedmaßen und wenn wir sie brauchen, um einen schweren Stein zu heben, dann sind sie nicht da. Der Muskel wächst in der Ruhe. Und das tust du auch.

Ich bin ein großer Fan von dem Prinzip der Komfortzone. Und deine Komfortzone ist immer nur so groß, wie du sie machst. Du bestimmst deine Grenzen. Zieh einen Kreis und dann gehst du einen Schritt heraus. Dein Herz schlägt, deine Hände schwitzen, du hörst deinen Atem, dein Puls ist in der Luft, zerschneidet die Stille, dein Magensaft liegt sauer auf der Zunge. Aber du hast es geschafft. Dein Atem wird ruhiger, dein Puls wird leiser, als würdest du an einem Knopf drehen und du schluckst.

Ich verspreche dir, auch nach dem hundertsten Schritt ist es immer noch eine Herausforderung. Aber du weißt, dass du es überlebst. Vielleicht fängst du sogar an, die Schritte zu mögen. Du fragst dich, wie viele Schritte du gehen kannst. Und irgendwann, irgendwann ist deine Komfortzone viel größer und so viele Dinge, die dir unwirklich vorkamen, sind machbar geworden. Den Vortrag halten, diesem Menschen sagen, dass man ihn liebt oder ein Buch schreiben. Deinen Job wechseln, deine Wohnung kündigen, in den Ring treten. Been there, done that.

Und dann kommt dir ein Abschied irgendwann nicht mehr vor wie das Ende, sondern wie ein Neuanfang, eine neue Chance, ein neues Leben, eine neue Grenze.

Ich glaube, dass es Verletzungen gibt, deren Narben dich für immer begleiten werden. Schmerzen, für die du nicht verantwortlich sein wirst. Tragödien, die dich zurück in die Tiefen deines Bettes schubsen und es unmöglich machen, dir vorzustellen, dass die Welt jemals so sein wird, wie zuvor.

Und dann wird der Schritt aus deinem Bett der Neuanfang sein. Die erste Dusche. Die erste Bahnfahrt nach deiner Panikattacke, das erste Lächeln nach dem Tod eines geliebten Menschen.

Solange du dir einen Schritt vorstellen kannst, gibt es auch einen Weg.

Und wenn du anfängst, dir vorzustellen, dass du auch die Unsicherheit überlebst, dass du außerhalb deiner Grenzen leben könntest, wenn du anfängst, in die Angst zu rennen und sie zu tackeln, dann fallen alle Ausreden wie kleine Schuppen von dir ab, dann fallen dir die Dinge zu, die du brauchst, um glücklich zu sein. Dann tut der Schmerz zwar nicht weniger weh, aber er wird durch Glück ausgeglichen, durch Mut und durch die Sicherheit, dass du wirklich und wahrhaftig lebst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.