Rezension: Es ist okay

Titel: Es ist okay – Weil man sich erst verlieren muss, um sich selbst zu finden

Autorin: Angela Doe

Verlag: Ullstein Verlag

ISBN: 9783864931567

Worum geht’s?

Ich zietiere hier den Klappentext: „Es ist okay, an sich selbst zu zweifeln. Es ist okay, nicht zu wissen, was man will. Du bist okay so wie du bist. Mit all deinen Ängsten, Unsicherheiten und Träumen. Denn Selbstfindung ist eine Lebensaufgabe und keine Checkliste, die man bis Ende zwanzig abgearbeitet haben muss. Es gibt keine Fehler – nur Situationen, an denen wir rückblickend wachsen konnten. Diese wichtige Erkenntnis musste sich Angela Doe hart erkämpfen. Stück für Stück lernte sie, ihren Körper und das Leben zu lieben. Sie überwand ihre Essstörung, fand ihren Platz in dieser Welt und den Weg zu sich selbst.“

Meine Lesemotivation:

Ich habe über Jahre den Blog von Angela gelesen. Als dieser sich noch um Fast Fashion drehte, war ich eigentlich nur für ihre Sonntagsposts dort. Mode interessierte mich nicht, aber die Person hinter den Worten. Ihre Gedanken habe ich aufgesogen. Zu dem Zeitpunkt muss ich etwa siebzehn, achtzehn Jahre alt gewesen sein und am Anfang meines Studiums.

Dieser Blog hat mir, neben einigen anderen, gezeigt, welche Kraft die Reichweite des Internets haben kann. Und wie sich Menschen zu ihrem wahren Selbst hin verändern können. Dementsprechend war ich sehr gespannt auf das Buch und habe es direkt vorbestellt, als es verfügbar war.

Mein Eindruck:

Ich habe selten so ein nahbares Buch gelesen. Während des Lesens habe ich das Gefühl, in Angelas pivatem Tagebuch zu stöbern und gleichzeitig mit einer Art großen Schwester zu reden. Vieles von dem, was sie schreibt, habe ich anders – aber mit demselben Resultat – auch erlebt. Der Inhalt dreht sich viel um die Essstörung, aber mehr als Symptom eines mangelnden Selbstwertgefühls. Dadurch, dass Es ist okay Themen wie das eigene Selbstbild, Existenzängste oder die Frage: Wo will ich eigentlich hin? sehr offen zeigt, kann ich mir gut vorstellen, dass viele Leser*innen etwas daraus mitnehmen können. Sei‘ es Unterhaltung, Ratschläge oder eben das Gefühl, nicht allein zu sein. Dieses Buch liest sich wie Einladung, sich selbst besser kennezulernen.

Wir müssen uns gar nicht vornehmen, uns selbst zu lieben. All das kommt von ganz allein, wenn man den Willen hat, herauszufinden, wieso man ist, wie man ist.

Es ist okay, S. 210

Das Buch ist unterteilt in viele einzelne Kapitel, die eine beschreibende Überschrift tragen. Zur besseren zeitlichen Einordnung ist das Datum des Kapitelinhalts angegeben. Bei einigen Daten habe ich mich gefragt, was ich wohl an diesem Tag getan habe. Vor allem der 07. Oktober 2017 ist mir im Kopf geblieben. Ich weiß noch genau, was ich an diesem Geburtstag getan habe und zu wissen, dass jemand anderes genau an diesem Tag auch etwas erlebt habt, ist für mich irgendwie – faszinierend?

Angela erzählt in ihrem Buch von ihrer Essstörung und wie sie mit dieser umgegangen ist. Jeder mögliche Trigger ist mit einer Warnung gekennzeichnet, was ich sehr gut finde. So konnte ich immer selbst entscheiden, was ich verkrafte und was ich an mich heranlassen möchte. Die Beschreibung ihrer Bulimie habe ich als sehr alltagsnah empfunden. Angela romantisiert nichts, spielt aber ihre Krankheit in keiner Weise herunter. Und sie zeigt vor allem: Menschen sind so viel mehr als ihre Krankheit. Und jede Krankheit ist eigentlich mehr als das, eher wie ein Kartenhaus, aus einzelnen Teilen bestehend.

Was mich an dem Buch am meisten beeindruckt hat: die absolute Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, die Angela in ihrem Buch, vor so vielen Menschen, zulässt. Da ich selbst in dem Alter bin, in dem die Angela im Buch auch ist, kann ich mich mit vielen Ängsten, Zweifeln und Gefühlen identifizieren und hineinfühlen. Auch ich bin ein Mensch, der schnell weint. Für mich ist das wie ein Ventil – ich kann dadurch loslassen. Ich weine, wenn ich traurig bin, wütend, aber auch berührt oder glücklich. Und beim Lesen des Buches habe ich mich damit weniger allein gefühlt. Mir viel es nach der Lektüre zum ersten Mal leicht, das Weinen als Teil von mir zu akzeptieren und nicht als Schwäche zu sehen, die ich verheimlichen muss.

Wir tragen keine Schuld daran, in welche Welt wir geboren sind und was uns passiert ist – aber wir können eine zukünftige Welt, unsere Welt, mitgestalten.

Es ist okay, S. 162

Das ist für mich auch die Essenz des Werkes von Angela: Wir sind alle zusammen. In meinem Leben habe ich mich immer dann am glücklichsten gefühlt, wenn ich mit anderem Menschen etwas zusammen geschafft habe. Sei‘ es in einer Beziehung, im Wettkampf oder bei meinem Job. Angela nennt dieses Gefühl Ubuntu: Ich bin, weil wir sind. Die südafrikanische Philosophie der Verbundenheit. Ich glaube, wir haben in diesem Jahrhundert die Möglichkeit, durch kollektive Verletzlichkeit zusammen stark zu werden und zu einer glücklichen Gesellschaft zu wachsen. Und genau dieses Gefühl vermittelt mir Es ist okay von Angela Doe auch.

Fazit:

Ich saß vor einiger Zeit auf einer Party an einem Tisch mit mehreren Frauen. Wir spielten ein Spiel, in dem wir anonym Fragen beantworten mussten. Ich kannte viele dieser Frauen nicht, aber was der Großteil gemeinsam hatte: die Antwort auf die Frage, ob sie mit sich und ihrem Körper zufrieden waren. Die Antwort war ein kollektives Nein mit nur zwei oder drei Ja’s. Da saßen so viele Frauen, die ich als schön, erfolgreich und witzig empfand. Mir ist das bis heute in Erinnerung geblieben, weil es mich so traurig machte. Ich würde mir wünschen, dass wir uns selbst gegenüber liebevoller werden und ich bin der Meinung, Angela hat einen der Steine für eben diesen Weg erschaffen mit dem Mut, offen und ehrlich über ihren Weg zu sprechen.

Ich kann dieses Buch, vor allem zu Zeiten der Einsamkeit, jeder Person sehr ans Herz legen, die sich selbst oder auch andere Personen besser verstehen möchte. Fremde Geschichten können den Weg zur eigenen öffnen. Einen gesunden Selbstwert zu entwickeln, ist ein Prozess. Und das ist okay.

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