Ankerpunkte

Weihnachten mit meiner Familie läuft jedes Jahr im gleichen Rhythmus ab. Wir essen, es gibt eine Bescherung, wir schauen einen Film oder spielen Kniffel.

Weihnachten ist einer meiner Ankerpunkte. So wie manche Menschen und Orte und Ereignisse. Immer wiederholend, immer in der Essenz gleich. Diese Ankerpunkte sind wichtig, weil sie mir bewusst machen, wie und ob ich mich verändert habe. Wie anders alles in mir ist, weil draußen alles gleich ist.

Es gab oft Tränen an Weihnachten, weil etwas mein Glück störte wie das WLAN-Signal, wenn man es dringend braucht. Ich war viele Jahre irgendwie verlassen, unglücklich verliebt oder verletzt. Oder wie man es heute sagen würde: lost.

Und weil Weihnachten mein Ankerpunkt ist, weiß‘ ich in diesem Jahr genau, wie viel mehr Glück in meinem Leben herrscht. Ich kann’s messen, mit nem Maßband, aber eigentlich lieber mit einem Becher. Ich schöpf‘ das Glück aus und leere es über meinen Kopf, damit alles glitzert.

Erinnere mich: Mit vierzehn habe ich mich schon groß gefühlt, irgendwie erwachsen. Ich hatte so viel mehr Erfahrung als mit fünf.

Als ich meinen ersten Liebeskummer hatte, dachte ich, ich würde nie wieder glücklich werden. Aber ich dachte auch, wenn ich älter bin, dann bin ich automatisch erwachsen.

Erwachsen ist gewachsen sein. Was sie einem nicht erzählen, ist, dass man erst einmal in die Tiefe wachsen muss, nach unten, feste Wurzeln, wachse dicht in Grund und Boden.

Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, irgendwo dazu gehören zu müssen, weil ich jetzt zu mir gehöre.

Ich laufe nicht mehr weg, ziehe von Stadt zu Stadt, weil ich mein Zuhause schon gefunden hab‘.

Ich weiß, dass das Springen wichtiger ist als die Höhe und dass man Sprünge mit einer Rolle retten kann, wenn man fällt.

Die Dinge, die für mich grundsätzlich waren, verlieren an Relevanz, weil das Grundsätzliche immer relevanter wird.

Ich sehe Menschen nicht mehr nur, ich fühle sie.

Ich nehm‘ mich anders wahr, weil mein Leben mich nicht mehr im Griff hat. Meine Hände sind wieder frei.

Es gibt ein paar dieser Ankerpunkte im Leben. Und irgendwann ganz selten, ist ein Tag, an dem werfe ich einen neuen Anker aus. Aber an diesem Morgen liege ich mit einem Kaffee im Bett und genieß‘ den Ankerpunkt hier, mit allem, was dazu gehört.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.