Mut zur Hässlichkeit

Und dann stehe ich da vor’m Spiegel, mein Gesicht spiegelt sich in meiner tiefschwarzen Pupille, meine Hände greifen in meine Haare.

In meinem Kopf potenzieren sich all die Dinge, die jemand über meinen Körper, mein Gesicht, mein Aussehen gesagt hat, zu einem großen Fragezeichen. Ich könnte, ohne lange zu überlegen, eine Liste mit zwanzig Attributen schreiben, die an mir rein äußerlich als „hässlich“ oder „unattraktiv“ bemerkt wurden. Einiges davon wäre mir niemals aufgefallen, aber dank verschiedener, meist männlicher Gesprächspartner, war ich mir dessen lange Zeit sehr bewusst. Hat mich das verunsichert? Natürlich.

Die Frage: Bin ich schön? ist eigentlich ein Mosaik aus vielen einzelnen Fragen. Nie gab es mehr Fotografien als in diesem Jahrhundert. Was früher ein besonderes Event war, zu dem die Familie sich herausputzte, ist heute erschwinglich und allgegenwärtig: Fotografiert werden. Wir haben tausende Fotos auf dem Handy und abermals so viele auf dem Computer. Wir haben damit die Möglichkeit uns quasi immer selbst zu sehen, aber nicht mit den Augen anderer. Wir können durch diese Bilder viel besser einordnen, ob wir normschön sind, ob wir dem entsprechen, was aktuell das gesellschaftlich konstruierte Ideal ist.

Attraktivität als Maßstab

Abseits dessen gibt es noch die Komponente Attraktivität. Was eigentlich ein Gesamtpaket ist, kann sich in unseren Köpfen auf die Details reduzieren. Und dann wird die Frage: Bin ich attraktiv? eigentlich zu: Glaube ich, dass mich jemand aufgrund von [beliebiges körperliches Attribut] abweisen wird? Wir validieren uns selbst über unsere optische Erscheinung oder, noch einen Schritt weiter, wie „schön“ unser Partner oder unsere Partnerin in den Augen anderer sein könnte. Attraktivität hat so viele Gesichter wie die Menschheit. Was für den einen der Grund ist, seinen Kopf auszuschalten und ein Prickeln zu fühlen, lässt andere völlig kalt. Und da sind wir beim wichtigsten Punkt der Attraktivität: Was andere attraktiv finden, entscheiden andere.

Ich habe eine gesellschaftlich anerkannte Kleidergröße und auch wenn ich viele Ideale nicht erfülle, bin ich auch kein Gegenteil davon. Trotzdem habe ich mich jahrelang gefragt, was ich machen könnte, um schöner zu werden. Nicht für mich, sondern für andere. Und das ist es, was uns zweifeln lässt, an uns selbst.

Sich selbst verbessern zu wollen, sich schön finden zu wollen, sich wohl zu fühlen sind absolut keine verwerflichen Bedürfnisse. Und aufgrund dessen etwas zu verändern, auch nicht. Ich kenne einige Menschen, die große oder kleine Dinge an sich verändern lassen haben, teilweise mit Operationen. Und ich feier‘ jede Frau und jeden Mann für die Entscheidung, sich so zu verändern, wie es der Person selbst gefällt. Wir dürfen Vorstellungen haben, was wir an anderen Menschen attraktiv finden und uns selbst miteinbeziehen.

Die Welt hat mehr als nur zwei Augen

Zu einem Problem wird das dann, wenn unser Streben nach Schönheit mit Perfektion und dem Treffen aller Ideale verwechselt wird, weil wir niemals für alle perfekt sein können. Wenn wir es uns anmaßen, anderen Menschen zu sagen, was wir an ihnen als hässlich empfinden, weil andere Menschen nicht dafür da sind, um unsere Vorstellungen zu erfüllen. Und genauso wenig wie ich bist du dafür da, die Vorstellung von anderen Menschen zu erfüllen, auch wenn sie dir nahestehen, wenn sie dir einen Job geben oder dir sagen, dass sie dich lieben. Bis ich das verstanden habe, hat es eine Weile gedauert. Ich darf Sport machen, um fit zu bleiben und auch weil ich einen fitten Körper als mein persönliches Ideal sehe. Ich darf meine Augen operieren lassen wollen, nicht nur, weil ich dann endlich nach dem Aufstehen etwas sehen könnte, sondern auch, weil ich mich mit Brille nicht so schön finde.

Aber, und dieser Punkt wiegt mehr: Ich darf mich auch so schön finden, wie ich genau in diesem Moment aussehe. Wenn ich vor dem Spiegel stehe, frage ich mich heute: Bin ich gesund? Fühle ich mich gut? Fühle ich mich wie ich selbst?

Ich bin schon lange ungeschminkt zu Dates gegangen oder mit rausgewachsenen Augenbrauen zu einem spontanen Vorstellungsgespräch. Wäre mein Aussehen ein Grund gewesen, abgelehnt zu werden, hätte das vor allem eins bewiesen: Dass mein Gegenüber nicht zu mir passt. Nicht mehr.

Mutig sein

Mut zur Hässlichkeit bedeutet für mich, sich in Situationen zu bewegen, in denen man sich potenziell nicht als schön oder attraktiv empfindet. Einfach auf „veröffentlichen“ zu drücken, wenn man ein Foto mag, weil es einen glücklich zeigt, auch wenn der eigene Körper darauf nicht den Idealen entspricht. Zu einem Termin zu gehen, auch wenn man einen fetten Pickel hat oder die Haare einfach nicht liegen. Anderen Menschen mehr Komplimente zu machen, anstatt mich in Schaufensterscheibe zu betrachten und dabei den Bauch einzuziehen. Um zu erkennen, dass Hässlichkeit eigentlich nur eins ist: ein Gefühl. Temporär, veränderbar und nicht lebensentscheidend.

Ein Buch, was ich zum Thema „sich selbst akzeptieren“ sehr empfehlen kann, ist das von Megan Jayne Crabbe und natürlich das Buch von Madeleine Alizadeh, das ich hier rezensziert habe.

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