Und wie du brennst

Du stehst da, die Schultern eingesunken, eine Tendenz zu weit nach vorne gedreht. Und du lächelst mich an, mit Schatten unter den Augen wie kleine Pfützen. Du sagst, dass es dir gut geht und du einfach nur müde bist. Wir beide wissen, dass das nur die Hälfte der Wahrheit ist.

Denn das du müde bist, ist die Wahrheit. Und dass es dir gut geht, auch. Du hast alles, was du brauchst, essen, trinken, einen Menschen, der dir Umarmungen schenkt und einen Job, für den du jeden Montag gerne aufstehst oder zumindest nicht kotzen musst, wenn du daran denkst.

Deswegen vermutest du, du hättest ein Luxusproblem. Du denkst, es ist doch alles okay so. Und doch fühlst du dich anders als damals, während du noch gebrannt hast. An diesen Tagen musstest du aufpassen, mit deinen Fingernägeln nicht aus Versehen die Person neben dir zu berühren, weil sie angefangen hätte zu glühen, mit dem Leuchten in den Augen und einem Schulterklopfen, erst zaghaft, dann ganz stark, Handteller auf Schulterknochen.

Du erinnerst dich an das Gefühl. Das Gefühl, Glück zu atmen, die Vorfreude, die Leichtigkeit. Nicht weil’s einfach war, sondern weil du die Herausforderung geliebt hast. Weil du, wenn du nach drei Stunden Schlaf aufgestanden bist, wenn du nachts nach Hause kamst oder bei Mondlicht an deinem Schreibtisch Songs geschrieben hast, an was Großes geglaubt hast.

Da ist der Freund, die Menschen helfen wollte und jetzt sieht, dass auch die Wirtschaft bei jeder Hilfe eine Rolle spielt. Da ist die Freundin, die immer Musikerin sein wollte und irgendwann bemerkte, dass sie seit einem Jahr kein Instrument mehr in der Hand hatte. Da ist das Mädchen, das jetzt eine Frau ist, die alles erreicht hat, was sie sich mal wünschte und dann aufgehört hat, sich weiter zu wünschen. Alle Menschen, die auf ihre Art die Welt verändern wollten. Ihr Glück weiterschenken.

Der Verlust trifft uns mittendrin. Nicht wegen des Ruhmes, nicht wegen des Applauses, der fehlt. Es trifft dich und uns und mich, weil ein Teil unserer Identität verloren geht. Das, was dich mit fünfzehn oder einundzwanzig hat frei fühlen lassen oder was dir einen Sinn gegeben hat, ist vielleicht ein weitaus größerer Teil von dir, als du denkst. Ich meine, hättest du sonst tagelang stundenweise gelernt, gearbeitet und dich reingekniet, wenn’s dir egal gewesen wäre?

Es war dir nicht egal und ist es heute nicht. Nur heute hat dich der Alltag fest im Griff, so wenig Zeit, so wenig Freiheit. Ich glaube, uns brennt nicht immer die Arbeit aus, sondern die Momente, die uns fehlen, die kleinen, bei denen wir auf unser Herz hören, weil’s der beste Wegweiser ist.

Eines Tages wachst du auf. Heute, morgen, vorgestern. Du hast es geschafft, dein Studium zu beenden, deinen Traumjob zu kriegen, deine gesundheitlichen Probleme zu bekämpfen oder die Beziehung zu führen, die du immer wolltest. Du hast Ruhe und Kraft, einen kleinen Vogel in der Brust, der sich langsam regt. Endlich bist du an dem Punkt. Du bist bereit, aber wieso kommt da nichts? Keine Inspiration? Keine Melodie, die dir zufliegt, keine Chance, die du ergreifen kannst. Alles ist so ruhig und leer und ohne Flammen. Das Streichholz in deiner Hand schaut dich an, bis es knackt und sein Kopf zu Boden fällt.

Denn du bist immer noch ausgebrannt. Und dagegen helfen nur zwei Dinge: Ruhe und Routine. Die zwei goldenen R’s. Denn manchmal ist es mit der Motivation wie beim Sport: Die Belastung hält noch an, auch wenn man sie nicht mehr akut spürt. Allein schon, dass du merkst, dass dir etwas fehlt, bedeutet, dass du in die richtige Richtung gehst. Ein Schritt nach dem anderen. Atme ein, atme aus.

Und die Routine? Widme jeden Tag nur zehn Minuten deinem Herzensziel, schau dir Videos zu dem Thema an, hör die Musik oder schreib kleine Noitzen in dein Handy, so lange, bis du merkst, dass du mehr willst, mehr kannst, mehr schaffst. Und dann fang an. Sei der Freund, der über Fortbildungsunterlagen sitzt, damit er seinen Traum wahr machen kann, Menschen zu helfen. Sei die Freundin, die jetzt wieder Lieder singt, bis sie auf der Bühne steht, da wo ihr Herz wohnt. Sei wie ich, die wieder schreibt, Wort für Wort. Weil’s nicht perfekt sein muss, nur ehrlich, um genug zu sein.

Für was brennst du?

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