Was man aus Krisen lernen kann

Es ist Juli 2020. Hätte uns vor einem Jahr jemand gesagt, dass etwas passieren könnte, was uns kollektiv unsere Pläne zerschlägt und das Netflix-Bingen einem Heldentum gleichen wird, hätten wir ungläubig die Köpfe geschüttelt. Es ist, wie es ist. An manchen Tagen ist einfach, sich mit der Situation zu arrangieren und dann gibt es Tage, an denen es frustrierend ist, sich vorzustellen, dass das nächste Abenteuer in der Ferne liegt. Doch jede ungewohnte Situation birgt neue Chancen, jeder Verzicht auch Potenzial auf einen Gewinn. Was kann man aus Krisen mit in den Alltag nehmen?

© Melina Bolopá

Wo stehe ich?

Der Großteil, der im Außen stattfindet, wird dir in einer Krise wie dieser genommen. Fitnessstudios sind geschlossen, du kannst keine Partys mehr feiern – zumindest nicht allein außerhalb deiner Wohnung. Essen gehen, einfach für einen Kaffee in deinem Lieblingslokal sitzen, übers Wochenende in eine andere Stadt fahren, Bücher ausleihen oder ins Kino gehen.

Jetzt bist du ausgezogen, das ist Außen ist weg, all die Ablenkung, Aktivität, andere Menschen um dich herum. Wie fühlst du dich? Wie sehr magst du dich und dein Leben? Was passiert, wenn du länger als vierundzwanzig Stunden allein bist – was macht das mit dir?

Das hier könnte der Zeitpunkt sein, an dem du in dich gehst. An dem du merkst, woran es hakt. An dem Schmerz hochkommt. Ich lese, dass Menschen sich schlecht fühlen. Wenn wir keine Möglichkeit mehr haben, unser Inneres zu bedecken und uns selbst in Watte zu packen, kommen unter Umständen Gefühle ans Tageslicht, die schon lange gefühlt und akzeptiert werden wollen. Und vor allem kannst du jetzt lernen, dich mit dir selbst zu beschäftigen und dabei Freude zu empfinden. Ein neues Hobby entdecken. Lesen. Kreativ sein. Dein erstes Homeworkout machen. Wir haben durch das Internet eine Fülle an wissen, wir müssen sie nur nutzen.

Du bist für dein Glück verantwortlich, niemand sonst. Und wenn du jetzt nicht glücklich sein kannst, dann kannst du Verantwortung übernehmen und das tun, was dich dem Glück näherbringt.

Wie sind meine Beziehungen?

Wenn du Single bist, könnte es sein, dass der Kontakt zu deinen Freunden und deiner Familie sich intensiviert. Du merkst, wie viele Menschen es gibt, denen du etwas bedeutest. Weniger erleben, aber dafür mehr Gespräche. Weniger entdecken, aber mehr echte Nähe. Nähe durch Kommunikation, Nähe durch offene Herzen.

Und in einer Beziehung kommt zusätzlich der Test: Liebe ich diesen Menschen wirklich? Ist es für mich schrecklich und nervtötend, tagelang mit meiner Beziehungsperson in einer Wohnung zu leben oder ist es eine Bereicherung? Oft leben wir am Alltag aneinander vorbei, verbringen wenig Zeit nur miteinander und wenn wir dann zusammen sein müssen, sehen wir den anderen erst richtig. Schaffe ich es, mit dieser Person einen Alltag zu leben? Möchte ich das überhaupt?

Dir könnte bewusst werden, welche Bedürfnisse du bisher vernachlässigt hast und was Nähe in deinen Beziehungen für dich bedeutet. Was dir wichtig ist und ob das, was du hast, noch das Richtige für dein Inneres ist.

Was weiß ich zu schätzen?

Worüber freust du dich aktuell? Über die neue Staffel deiner Lieblingsserie, über den Kaffee am Morgen oder deine Katze, die auf deinem Schoss liegt oder ständig deine Tastatur belagert? Für alle, die im Home-Office arbeiten: Ist das wirklich ideal für mich oder möchte ich eigentlich gerne ins Büro zurück, auch wenn der eine Kollege immer zu laut telefoniert?

Was vermisse ich? Was ist für mein glückliches Leben essenziell? Gibt es überhaupt noch etwas, über das ich mich freuen kann?

Vielleicht schafft es diese Zeit, dass wir danach ein wenig dankbarer für alles sind, was wir – auch ich – vorher für selbstverständlich genommen haben.

© Melina Bolopá

Bin ich privilegiert?

Nicht jeder von uns hat das Privileg, einen Job zu haben, der nicht gefährdet ist. Genug Geld, um die Miete zu zahlen. Es gibt Menschen, die alt sind und denen ihr gesamtes soziales Leben entzogen wurde, eines der wenigen Dinge, die sie noch haben. Es gibt Kinder, aber auch Erwachsene, die gerade jetzt in der Isolation betroffen sind von häuslicher Gewalt, Armut oder fehlenden Möglichkeiten der Unterstützung durch außen. Es gibt die Eltern, die versuchen, neben ihren Jobs noch ihre Kinder zu betreuen, beschäftigen und zu unterrichten. Menschen mit psychischen Krankheiten, Angststörungen oder Suchterkrankungen, die in der Isolation belastender werden. Nicht jeder von uns hat das Privileg, ein Zuhause zu haben, ein physisches und in sich selbst. Oder ein Zuhause, in dem man sicher ist.

Wie sehr setze ich mich unter Druck?

Es gibt auch die andere Seite der Isolation. Das Gefühl: „Jetzt habe ich viel Zeit, also muss ich auch viel schaffen“. Neue Sprachen lernen, die Uniarbeiten fertig schreiben, eine Gartenhütte bauen…

Das Problem: Isolation schafft keine intrinsische, sondern maximal extrinsische Motivation. Sie kann intrinsische Motivation verstärken, weil sie unser Leben entschleunigt und die Konzentration auf einzelne Kernbereiche zulässt. Doch wenn du es vorher nicht geschafft hast, dich zu diesen Sachen zu motivieren, dann wird der Entzug von Dingen, die dir guttun, dies nicht automatisch ändern.

Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn du etwas nicht schaffst. Wenn du nicht als „neuer“ Mensch die Isolation verlässt, deine Traumfigur erreicht hast und einen Businessplan geschrieben. Du darfst aber auch stolz darauf sein, wenn genau das passiert.

Wie gehe ich mit Krisen um?

Es gibt Menschen, die viel wissen wollen. Ich bin zum Beispiel jemand, der alles hinterfragt und stundenlang recherchiert, um mich informiert zu fühlen, weil die Realität für mich leichter zu ertragen ist als Unwissenheit.

Doch es kann auch sein, dass dich die Nachrichten überfordern, das Wissen, dass die Krise nicht morgen zu Ende sein wird.

Aus dieser Krise kannst du für die nächste mitnehmen, was dir guttut und was nicht. Wo deine Baustellen liegen. Ob Selbstverantwortung und Selbstliebe noch ein Thema für dich sind. Ob dein Glück im Außen liegt, in dir drin oder irgendwo dazwischen. Mach die Arbeit jetzt. Finde alles über dich heraus, was du wissen willst und alles, was du wissen musst. Es gab nie eine bessere Zeit dafür als diese.

Du schaffst das. Wir werden das schaffen. Lass uns das Ganze überleben, damit wir danach weiterleben können, in allen Facetten.

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