Stärke ohne alles, bitte

10. April 2020. Im letzten Jahr war der Gedanke an eine weltweite Pandemie, die uns dazu zwingt, unser Leben zu verändern, nicht in unseren Köpfen. Zumindest nicht in meinem. Ich war beschäftigt mit mir, meinem Leben und den Veränderungen, die sich anbahnten. Heute, im April 2020, sitze ich in Isolation Zuhause an meinem Schreibtisch und tippe diesen Text. Wir alle befinden uns seit einigen Wochen in einem Ausnahmezustand, mit dem wohl die wenigsten von uns gerechnet haben und auf den noch weniger Menschen nachhaltig vorbereitet sind.

© Melina Bolopá

Diese Krise wird uns aber nachhaltig verändern. Weil sie Leben kostet, weil sie Existenzen zerstört und weil sie uns ein neues Bewusstsein für die Dinge gibt, die wir haben oder nicht haben. Krisen manifestieren Ungerechtigkeiten, sie sind der Nährboden für all das in uns, was wir im Alltag gerne verdrängen und verdrängen können. Ich lese von Einsamkeit, von dem Druck der „Corona-To-Do’s“ und Menschen, die sich mit psychischen Abgründen konfrontiert sehen. Ich lese von Menschen, die jeden Tag arbeiten, um unser System aufrecht zu erhalten und Menschen, die auf einhundert verschiedene Arten helfen.

Mir persönlich wird noch mehr bewusst als sowieso schon, dass ich privilegiert bin. Ich habe einen der besten Arbeitsplätze, den man sich wünschen kann, ein sicheres Zuhause, Zugang zu Informationen und Unterhaltung und einen Partner, der mir Liebe und Sicherheit schenkt. Deswegen trifft mich diese Krise weniger hart. Mir fiel es anfangs schwer, Menschen, die mit dieser Krise zu kämpfen haben, nicht zu bewerten, wenn es ihnen schlecht ging, obwohl sie eben all diese Privilegien auch innehatten. Was ich aber vergessen hatte: Ich habe diese Art von Krise, die einhergehenden Gefühle von Einsamkeit und des Stillstands schon in wesentlich prekäreren Lebenssituationen gefühlt und überwunden. Für mich ist das hier nichts Neues.

Ich sehe es als elementar an, dass wir uns jetzt unseren Ängsten stellen. Dass wir uns jetzt in dieser Krise, die für einige von uns die erste ist, damit auseinandersetzen, wie wir die nächsten stabil überstehen können. Wie wir uns in unserem Leben Stabilität schaffen, eine echte. Die nicht davon abhängig ist, welche Clubs geöffnet haben, wo ich Kaffee trinken kann und wie oft ich meine Freunde sehe. Dass wir uns jetzt und zukünftig in Beziehungen begeben, die wirklich stark sind und wir uns nicht nach zwei Tagen auf die Nerven gehen, sondern als Team zusammenwachsen, kommunizieren und gestärkt hervor gehen.

Wir müssen jetzt stark sein, ohne dem Trugschluss zu unterliegen, dass Stärke bedeutet, keine „Schwäche“ zuzulassen. Wir dürfen weinen, schreien, toben, uns mit unserer Kaffeetasse an den Küchentisch setzen und uns fragen, wie unser Leben jetzt weitergeht. Und dann sollten wir handeln. Offen sein, uns verletzlich zeigen.

Viele von uns Leben ihren Alltag und geben sich wenig Raum für Gefühle. Wir nehmen uns wenig Zeit, um uns und unsere Bedürfnisse, unsere Ängste und unsere Glücklichmacher. Für die, die keine Existenzsorgen haben, kommt nun all dies wie ein Bumerang zurück. Die Ängste, die Einsamkeit, die Wut. Vielleicht auch Ohnmacht, weil man sich der Situation ausgeliefert fühlt. Das Bemerken von Abhängigkeit, weil einem bewusst wird, dass einem ohne das Leben im Außen so viel fehlt. Ich glaube nicht, dass es klug ist, sich für diese Gefühle zu schämen und sie als nichtig abzutun, weil andere kämpfen müssen und „richtige Probleme“ haben.

Wenn wir, die gerade noch nicht am Abgrund stehen, uns heute nicht stärken, dann können wir uns in einigen Monaten, wenn die Nachwirkungen deutlich werden, wenn die Erschöpfung nicht mehr weggearbeitet werden kann, wenn die ersten Menschen zusammenbrechen, nicht um andere kümmern. Wir können keine Anker sein, wenn wir nicht selbst fest verwurzelt sind. Wir können nicht mutig sein im Großen, wenn wir es für uns im Kleinen nicht sind.

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