Warum Spaziergänge sinnvoll sind

Am Anfang verstand ich nicht, wozu Spaziergänge gut sein sollten. Durch die Gegend trotten, ohne Ziel. Wenn ich gehe, dann will ich von A nach B.

Das Haus zu verlassen und einfach nur einen Weg zu gehen, glich für mich einem Stillstand. Ich fragte mich: Wieso losgehen, wenn ich wieder dort ankomme, wo ich gestartet bin? Meine Einstellung zum Spazieren spiegelt die Einstellung unserer Gesellschaft zum Leben wider, zumindest empfinde ich das so. Immer ein Ziel vor Augen: Reisen, um sich selbst zu finden, in die Badewanne liegen, um Me-Time zu frönen, arbeiten für den Sinn und nicht nur fürs Geld.

Jeden Abend spazieren gehen. Jeden Tag eine große Runde, manchmal eine noch größere, selten eine kleine. Morgens aufstehen, um vor der Arbeit noch eine Runde zu drehen, ganz allein. Das ist meine Realität geworden.  Doch was hat sich geändert?

Ich habe jemanden kennen gelernt, für den Spaziergänge wichtiger Teil seines Alltags waren und ich habe mich darauf eingelassen. Am Anfang war es eine große Überwindung, aber sie wurde von Tag zu Tag kleiner, bis ich mich irgendwann unwohl fühlte, wenn ich den ganzen Tag nicht draußen gewesen war. Es hat für mich mehrere Gründe, wieso ich mittlerweile jeden Tag spazieren gehe. Auch wenn es regnet oder kalt ist.

Spazieren gehen ist Zeit für mich

Maximal ein Gesprächspartner oder ein Podcast sind meine Begleiter. Ansonsten gibt es nur die frische Luft, den Boden unter meinen Füßen und mich. Das klingt kitschig, diese Reduktion ist für aber wichtig. Wir haben in unserem Alltag Dauerzugang zu Musik, Filmen, Aktivitäten und Kontakten. Vielleicht haben wir auch eine Familie oder ein Tier, das wir versorgen müssen. Wir arbeiten, gehen zur Uni oder arbeiten von Zuhause. Kurzum: Wir sind alle in großem oder kleinem Maße fremdbestimmt, durch Deadlines, Termine oder Konsum. Spazieren gehen nimmt mir die Möglichkeit, mich abzulenken und weg von mir zu beschäftigen. Vor allem, weil ich kein Ziel habe, bringt es mich zurück zu mir.

Spazieren gehen macht wach

Ich liebe Kaffee. Wenn ich zu viel Kaffee trinke, meckert allerdings mein Magen. In der Zeit der Isolation habe ich mir angewöhnt, meinen Wecker eine Stunde früher zu stellen und einen Spaziergang zu machen. Allein, ohne viele Menschen auf der Straße. Wenn ich morgens über die Straßen gehe, stellt sich nach einem Dreiviertel der Strecke ein Glücksgefühl ein, ganz von selbst. Ich fühle mich lebendig. Und wenn es kalt ist und ich mich trotzdem rausgetraut habe, mit dicker Jacke und Handschuhen, dann fühle ich mich dazu noch direkt produktiv.

Spazieren gehen bereichert Beziehungen

In Partnerschaften, aber auch in Freundschaften, haben wir im Alltag oft nicht die Zeit, uns ausgiebig miteinander zu beschäftigen. Hier mal eine Sprachnachricht oder dort fünf Minuten, mehr Zeit nehmen wir uns oft nicht. Wenn wir uns zum Spazieren gehen verabreden, können wir uns auf zwei Sachen konzentrieren: das Gehen und die andere Person. Sich dreißig Minuten am Stück zu unterhalten, ohne Ablenkung, sind goldwert. Wenn die andere Person weit weg wohnt, dann können wir uns einfach ein Headset schnappen und unseren abendlichen Spaziergang in Begleitung absolvieren. Das hilft gegen Einsamkeit und Budenkoller.

Spazieren gehen inspiriert

Oft gehe ich meinen gewohnten Weg, aber wenn ich mehr Zeit habe, dann gehe ich gerne eine Straße entlang, die ich noch nicht kenne. Ich treffe Katzen, Vögel und manchmal auch Insekten. Ich sehe andere Menschen. Ich bemerke, wie die Pflanzen sich verändern und wie die Luft je nach Jahreszeit anders riecht und schmeckt. Nach dem Spazierengang fällt es mir deutlich leichter, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und auch kreative Aufgaben zu lösen.

Spazieren gehen hält gesund

Das Bewegung gut für den Körper ist, wissen wir alle. Unsere Körper sind dafür konzipiert, zu gehen. Wieso dann nicht einfach loslaufen? Fürs Spazieren gehen muss man nicht extra Sportkleidung tragen und wenn man passend angezogen ist, ist man danach auch nicht verschwitzt. Ich fühle mich gut, weil ich Schritte sammle und weiß, dass ich damit positiv zu meiner Gesundheit beitrage. Spazieren gehen nach dem Essen hilft dabei, das Gegessene besser zu verdauen. An einem stressigen Tag kann spazieren gehen dabei unterstützen, Stress abzubauen und sich aktiv zu entspannen. Es gibt viele gute Gründe, einen Spaziergang für die Gesundheit zu unternehmen.

Spazieren gehen schafft Sicherheit

Jeden Tag spazieren zu gehen ist eine Konstante, die wir im Leben gut gebrauchen können. Wenn wir jeden Abend vor dem Schlafengehen unsere Schuhe anziehen und noch einmal kurz rausgehen, manifestiert sich dieser Spaziergang als eine Art Ritual in unserem Abend. Das kann helfen, wenn man eine Unruhe spürt, schlecht zur Ruhe kommt oder – so wie ich gerne – dazu neigt, lange vor dem Computer zu sitzen. Auf der anderen Seite kann ein Spaziergang auch motivierend wirken und einem das Gefühl geben: „Hey, ich habe heute etwas für mich getan“. Die kleinen Routinen sind die Sicherheiten, auf denen wir unsere Ausbrüche ins Abenteuer aufbauen können. Und gerade in Zeiten wie diesen können wir mehr Sicherheit gebrauchen als jemals zuvor.

Dass ich spazieren gehe, ist mittlerweile ein wichtiger Teil meines Alltags. Und vielleicht auch bald von deinem.